Über die Seele der Dinge Über die Seele der Dinge

Das Pendeln zwischen Polen erschafft Räume. Deren Wahrnehmung eröffnet uns Möglichkeiten zum Erkennen und Verstehen unserer Welt. Solche Denkräume erschafft Stefan Oberhofer. Seine Skulpturen loten diesen Raum vielfach aus und erlauben überraschende, ungeahnte Deutungen. Dazu bietet uns der Künstler zwei Werkgruppen an, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten: zum einen die dunklen, schweren und doch höchst fragilen Skulpturen aus verbranntem Holz, dann die hellweißen, fast schwebenden und doch massiven Ikarusskulpturen. Zwei Gruppen, die schon in sich Gegensätze vereinen, die sich aber in der hier im Katalog gezeigten Gegenüberstellung noch zu steigern scheinen. Wer sich auf das Spiel zwischen diesen Unterschiedlichkeiten einlässt, wird als Betrachter der Werke aber bald eine erstaunliche Erfahrung machen. Versuchen wir es zunächst mit einer getrennten Besichtigung der Arbeiten.

Das Ikarus-Thema

Die hellen Ikarus-Arbeiten definieren einen Zyklus, den Oberhofer als ein Schlüsselwerk seines Schaffens bezeichnet. Die Geschichte zwischen Daidalos und Ikarus ist eine tragische Emanzipationsgeschichte. Ikarus stürzt ab, weil er sich auf der gemeinsamen Flucht nicht an die Anweisungen seines Vaters hält. Der Sonne immer näher kommend, erweichen die Strahlen das Wachs und lösen die Schwingen der Flügel auf. Ohne solchen Mut freilich bliebe jede Kunst auf der Strecke, selbst wenn die Warnung von einem Übervater der Kunst selbst kommt. Und so steht Stefan Oberhofer, der selbst immer wieder neue künstlerische Wege beschreitet, eindeutig auf der Seite des Ikarus. Der griechische Bildhauer Daidalos hatte den Ruf, die ersten lebensnahen, also realistischen Plastiken der Antike geschaffen zu haben. Das allerdings möchte Stefan Oberhofer gerade nicht: Seine Skulpturen und Objekte leben vom Vexierspiel zwischen inhaltlicher Anspielung und dem offenen Spiel mit dem Material, das dem Betrachter noch genügend Raum gibt, die Poesie der künstlerischen Botschaft weiterzudenken. Der lyrische Gestus des Werks beflügelt das Fortschreiben des visuellen Textes.

Die Brandarbeiten

Alleine die Entstehungsgeschichte dieser Serie dunkler Brandskulpturen liest sich wie eine spannende Metapher des Lebens. Die Werke sind das Ergebnis einer technisch aufwändigen und ausgeklügelten Genesis. Die durchbrochenen Skulpturen wirken am Ende derart natürlich, dass man bei flüchtiger Betrachtung zunächst denken könnte, es handle sich um Fundstücke aus der Natur. Das sind sie natürlich nicht. Die entscheidenden Schritte zur Formgebung des Holzes erfolgen mit Kettensäge und Flammenwerfer. Der Einsatz von Säge und Feuer ist ein wesentlicher Bestandteil seiner Arbeit – dabei stehen jedoch nicht die zerstörerischen Eigenschaften dieser Werkzeuge im Mittelpunkt. Vielmehr werden die einzigartigen, kraftvollen Eigenschaften und Fähigkeiten zur Verwandlung und Sichtbarmachung genutzt. Das geschnittene Holz wird abgeflammt und zum Glühen gebracht. Schließlich werden aus dem erkalteten, verbrannten Holz die porösen Stücke behutsam herausgebrochen und die Oberflächen geglättet. So wird die Geschichte erst herausgeschält und erzählt, Spannung erzeugt und Widerspruch geweckt. Wir erleben einen Dialog zwischen der Hand des Künstlers und den Kräften der Natur, also eine raffinierte Verwandlung des Organischen ins Artifizielle und wieder zurück.

Die feuerbewegte Transformation verwandelt unumkehrbar das Material und wird dadurch zu einer Haltung, zu einem Standpunkt. Für Stefan Oberhofer ist es eine Veränderung des Bewusstseins-zustandes Die Glut wird gleichsam Gefrorenes. Hingegen erzählen die hell-weißen, rohen Holzarbeiten von Träumen, Hoffnungen, Wünschen, lassen sich emotional konkretisieren, symbolisieren jenes Stück romantisierender Hingebung, auf die gerade die faktisch nüchternen, abstrakteren Brandskulpturen gerade ganz bewusst verzichten.

Für Stefan Oberhofer stellen die Brandarbeiten und das Ikarusthema zwei scheinbare Gegensätzlichkeiten dar, die metaphorisch das Weltganze umreißen. Sie sind nicht widersprücklich, sondern zwei Ausformungen ein und desselben. Und in der Tat: Im Hellen wie im Dunklen ist das gleiche zu finden, es wird von uns oftmals nur anders benannt, bewertet, beschrieben. Oder einfach verkannt. Und dies ist für den sich auf die Skulpturen einlassenden Betrachter vielleicht die eigentliche Erfahrung und Überraschung zugleich.

Die Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Material spielt bei Stefan Oberhofer stets eine wichtige Rolle. Die besondere Sensibilität des Künstlers für die Sprache des Holzes liegt in seiner Biographie begründet: Stefan Oberhofer hat eine Ausbildung als Tischler durchlaufen und lange Zeit als Designer und Möbelgestalter gearbeitet. Der handwerklich souveräne Umgang mit dem Werkstoff und die künstlerische Inspiration vereinen sich so zu einer genuinen Qualität seines Schaffens. Wie tief der heutige Formenschatz künstlerischer Ideen in Stefan Oberhofers Vorstellungswelt verankert ist, belegt eine kleine, knapp 25 Jahre später wiedergefundene Skizze von 1986, die das aktuelle dreidimensionale Schaffen auf frappierende Weise vorwegnimmt. Aufschlussreich und poetisch zugleich sind Stefan Oberhofers intim-philosophische Notizen zur Bedeutung des Materials in seiner Kunst:
„Nicht Grenzen ausloten, sondern Sichtbarmachen der Möglichkeit, Substanz. Durch Weglassen den Raum umschreiben. Er wird nicht als Leerraum erkannt, sondern als neu gewonnene Form. Die Materialeigenschaft zunutze machen, um zu finden: Nicht die Zerstörung, sondern die Entdeckung. Material als Informationsträger für die Stabilität, transformiert in eine Formensprache, die sich eigenständig entwickelt. Holz, nicht mehr als Holz erkennbar. Die Form des künstlerischen Dialogs ist allen Arbeiten gemein.“

Oberhofers künstlerische Arbeiten sind nicht nur voller Poesie, sie entwickeln neben dem großen ästhetischen Anspruch hohe literarische Qualitäten. Sein Werk behandelt somit elementare Dispositionen unseres Lebens, Existentielles. Es sind Skulpturen, welche Fragen nach dem Woher, dem Warum, dem Wohin, dem Selbst stellen. Die Titel seiner Werke unterstreichen, dass es Stefan Oberhofer um mehr geht als um die Abbildung oder die bloße Ästhetik der Form: Gleichgewicht der Welt, der wunde Punkt, Amor & Psyche, Anfang der Welt.
Die Gesamtheit dieser Aspekte verleiht Stefan Oberhofers Werk eine Tiefe, welche nicht nur an die Emotionen des Betrachters appelliert. Es beginnt ein Prozess des Nachdenkens und der Reflektion – ohne dass sich das Werk je vollständig erschließt und erklärt. Immer wieder sind neue, überraschende Einblicke möglich, welche dem Dialog mit den Skulpturen Stefan Oberhofers und der eigenen Person eine andere Qualität geben und neue Impulse liefern. In Anbetracht solcher Skulpturen wird jegliches Denken in Polaritäten zur Makulatur. Oberhofers Skulpturen rütteln auf und versöhnen zugleich. Ein besseres Kompliment kann sich die Kunst eigentlich nicht machen.

Martin Oswald

Referenzen Referenzen

Ausstellungen

‘11 Tocca a te! mit Regine Schumann, Boffi Köln
‘10 Feuerwerk Galerie Scheel , Galerie Dahme Sylt
‘09 Café des Artistes Berlin
‘09 Artverwandt Kunstgewerbemuseum Berlin
‘09 Kunst im Seelhaus Ravensburg
‘09 Kunst am Strand Sylt, Galerie Scheel Sylt
‘08 Stiftung Vogthaus Ravensburg Heimbrand
‘06 designmai Berlin www.designmai.de
‘06 Sony Center Berlin “Durchzug”
‘05 Ausstellung in der Galerie an der Pinakothek der Moderne, Barbara Ruetz, München
‘04 designmai Berlin www.designmai.de
‘03 Berlin – Design
‘02 Grassimuseum Leipzig www.grassimuseum.de
‘00 Galerie SUSU Berlin
‘99 F7 Jahresausstellung München
‘98 F7 Jahresausstellung München
‘98 Stühle Handwerksmuseum Deggendorf www.deggendorf.de
‘98 Kunst geht Baden Gemeinschaftsausstellung München
‘97 F7 Jahresausstellung München
‘97 Grassimuseum Leipzig www.grassimuseum.de
‘96 Dannerpreisausstellung Neue Sammlung München
‘96 Deutsches Museum
‘93‘96 Objekt und Design München

Award

‘93 “Münchner Designpreis”

Weitere Links

sto_cubo modulares Regalsystem www.sto-cubo.de
Hans Panschar www.hanspanschar.de
so-moebel www.so-moebel.de
Florian Schwarz www.werkstattschwarz.de
Regine Schumann www.regineschumann.de
Herweg www.bronzegiesserei-herweg.de